{"id":913,"date":"2011-02-04T16:27:10","date_gmt":"2011-02-04T15:27:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.konstantin-goerlich.de\/wordpress\/?p=913"},"modified":"2011-02-04T16:33:10","modified_gmt":"2011-02-04T15:33:10","slug":"kairo-ist-nicht-leipzig-aber-fast","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.konstantin-goerlich.de\/wordpress\/2011\/02\/04\/kairo-ist-nicht-leipzig-aber-fast\/","title":{"rendered":"Kairo ist nicht Leipzig. Aber fast."},"content":{"rendered":"<p>Immer wieder liest man Ankl\u00e4nge von Vergleichen, die Parallelen zwischen der friedlichen Revolution in Deutschland und dem gesamten Ostblock 1989 und dem, was in diesen Minuten und Tagen in Kairo, ganz \u00c4gypten und anderen L\u00e4ndern in der arabischen Welt suchen und finden wollen. Kaum jemanden werden die Bilder vom Tahrir Square, dem seinem Namen nach schon fast prophetischen Platz der Befreiung, kalt lassen. Mir jedenfalls kamen in den letzten Tagen die Bilder der gro\u00dfen Demonstrationen in Leipzig im Oktober 1989 in den Sinn. Seit vorgestern war an andere Bilder zu denken, etwa an das gewaltsame Vorgehen von Polizei und Staatssicherheit gegen die Demonstrationen in der DDR im Oktober 1989. Bei den feiernden, fahnenschwenkenden Massen die sich zur Stunde friedlich in Kairo versammelt haben ist ein freudentr\u00e4nenverzerrter Blick zur\u00fcck an die Szenen, die sich am 9. November 1989 an Grenz\u00fcberg\u00e4ngen in Berlin abspielten. Aber wie vergleichbar sind die Situationen wirklich?<\/p>\n<h4>Medien<\/h4>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich ist die Medienwelt heute eine andere als vor 21 Jahren. Nach allem was ich bisher geh\u00f6rt und gelesen habe mu\u00df man bei der sich in \u00c4gypten abspielenden friedlichen Revolution (ich nenne sie bewu\u00dft friedlich, denn die Gewalt ging vom Staat aus!) zwischen der medialen Vernetzung im Land und dem Transport in andere L\u00e4nder differenzieren: Anscheinend spielen die oft genannten Medien wie Twitter oder Facebook nach au\u00dfen eine andere Rolle als nach innen, wo man sie zwar auch nutzt, aber anders, und sich eher auf Blogs st\u00fctzt oder sich ganz klassisch per Telefon etc. vernetzt. Eine Parallele sind logischer Weise Rolle und Inhalt des Staatsfernsehens und da\u00df ausl\u00e4ndischen Medienberichterstattern Schwierigkeiten\u00a0bereitet werden. Meines Erachtens aber der Schl\u00fcssel ist das Versagen einer \u00fcberalterten Machtelite, die Rolle neuer Medien ad\u00e4quat einzusch\u00e4tzen: So wie Honecker und seine grauhaarigen Schergen das in weiten Teilen der DDR-Bev\u00f6lkerung empfangbare Fernsehen aus der Bundesrepublik untersch\u00e4tzt haben (man denke nicht nur an Nachrichten sondern auch an die Suggestivkraft von Werbung!) hat man in \u00c4gypten den Internetzugang erst dann massiv eingeschr\u00e4nkt, als die Leute nach Monaten und Jahren von Regimekritik im Netz (und wiederholten Repressionen gegen Blogger) bereits auf die Stra\u00dfe gingen. In beiden F\u00e4llen hatte eine zahlenm\u00e4\u00dfig relativ kleine Gruppe Oppositioneller bereits eine Massenbewegung ausgel\u00f6st. Wer zu sp\u00e4t kommt, den bestraft das medienvermittelte Leben.<\/p>\n<h4>Machtbl\u00f6cke<\/h4>\n<p>Vielleicht kann jemand bitte in den Kommentaren n\u00e4heres erl\u00e4utern, denn ich kenne mich, wie viel zu viele, nicht gut genug in der arabischen Welt aus. Ich glaube aber sagen zu k\u00f6nnen, da\u00df \u00c4gyptens Einbindung nicht so stark ist wie die Situation der DDR in den achtziger Jahren, wo es Glasnost und Perestroika bedurfte, um den gesellschaftlichen Aufbruch weg vom SED-Staatssozialismus m\u00f6glich zu machen. Die US-Bindung \u00c4gyptens und die Beziehungen zu Isreal sind wohl etwas grunds\u00e4tzlich anderes als der ziemlich einzigartige Kalte Krieg. Eine weitere Frage die zu stellen w\u00e4re, ist die der Teilung: Kann man, und wenn ja: inwiefern, die Existenz der Bundesrepublik, also eines zweiten deutschen Staates mit deutscher Sprache und Kultur, mit der Existenz angrenzender ebenfalls arabischsprachiger Staaten mit arabischer Kultur vergleichen?<\/p>\n<h4>Waffen<\/h4>\n<p>In der DDR haben deutsche Soldaten nicht auf deutsche B\u00fcrger geschossen, sich ihnen in Leipzig knapp nicht in den Weg gestellt. Die \u00e4gyptische Armee stand tatenlos daneben, als allen Indizien nach mutma\u00dflich Polizisten in Zivil, Staatssicherheit und gekaufte Schl\u00e4ger die friedlichen Demonstranten auf dem Tahrir Square mit Steinen und St\u00f6cken, Pferden und Kamelen, jedoch nicht mit Schu\u00dfwaffen angriffen. Im Herbst 1989 trat die Volkspolizei offen, die Staatssicherheit verdeckt aber konkludent erkennbar auf. Man f\u00fcrchtete eine sog. &#8222;chinesische L\u00f6sung&#8220;, die Erinnerung an das Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking war noch frisch. In Kairo l\u00f6sten die anrollenden Panzer Begeisterung aus, obwohl sich die Armee bis zur Stunde zu keiner Seite bekannt hat.<\/p>\n<h4>Geschwindigkeit<\/h4>\n<p>Was in \u00c4gypten passiert geschieht in atemberaubender Geschwindigkeit, selbst w\u00e4hrend ich diesen Text schreibe \u00fcberschlagen sich die Ereignisse: Das Staatsfernsehen zeigt Bilder der Massendemonstration auf dem Tahrir Square und ein Telefoninterview mit einem Demonstrationsorganisator, der darin ank\u00fcndigt, da\u00df die Proteste auf dem Platz weitergehen werden. Damit sind Teile dessen, was ich unter &#8222;Medien&#8220; schrieb, schon wieder hinf\u00e4llig und ich breche an dieser Stelle mal ab, verzichte auf ein Fazit und staune stumm \u00fcber die \u00fcberw\u00e4ltigenden Bilder auf Al Jazeera. Sonst schreibe ich immernoch, wenn Mubarak zur\u00fccktritt, wor\u00fcber es bereits Ger\u00fcchte zu geben scheint. Einen Weg zur\u00fcck gibt es jedenfalls nicht mehr, soviel ist sicher.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/ca5c81b93d2e4d8c829c4d8bbefadfb6\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Immer wieder liest man Ankl\u00e4nge von Vergleichen, die Parallelen zwischen der friedlichen Revolution in Deutschland und dem gesamten Ostblock 1989 und dem, was in diesen Minuten und Tagen in Kairo, ganz \u00c4gypten und anderen L\u00e4ndern in der arabischen Welt suchen und finden wollen. Kaum jemanden werden die Bilder vom Tahrir Square, dem seinem Namen nach &#8230; <\/p>\n<p class=\"read-more-container\"><a title=\"Kairo ist nicht Leipzig. 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