Wer sich in die Quelle begibt, kommt darin um.

So soll es einst in der Bibliothek des historischen Seminars der Uni Freiburg an die Wand gepinselt gestanden haben. Patrick Breitenbach hat sich in die Quellen begeben, die zu von und über Joachim Gauck zitiert werden und hat einen nicht nur un- sondern falsch verstandenen Präsidentschaftskandidaten gefunden. „Zitiert“ ist hierbei das falsche Wort: sie werden verkürzt, verhunzt, verdreht, und was übrig bleibt ist eine aufgehetzte Welle fanatisierender Pseudofakten, die von Filterblase zu Filterblase springt. Gauck ein Sarrazinfan, ein Vorratsdatenspeicherer, ein Kommunistenfresser gar, der systemkritische Demonstrationen albern findet? Und den soll „das Netz“ vor zwei Jahren nicht genauso schnell als solchen erkannt haben, sondern ihn stattdessen in den Tagen und Wochen vor der Bundesversammlung zu ihrem Präsidenten #mygauck gemacht haben? srsly?

Breitenbach erkennt das Dilemma ganz richtig:

Gauck […] ist ein sehr reflektierter Mensch mit der Eigenschaft, Themen differenziert zu betrachten […]. Aber genau diese abwägende Herangehensweise wird ihm natürlich bei so fragmentartiger Berichterstattung zum Verhängnis. Wenn er beide Seiten beleuchten will, wird ihm nur eine Seite aus dem Mund genommen und in einen völlig neuen Kontext gelegt. Die große Schlagzeile eben, die am Ende in den Köpfen hängen bleibt.

 
 

Was war passiert? Diese Frage bringt eines schon an den Tag: Das ganze ist kaum 24 Stunden her. Was wir jetzt noch spüren, ist der verspätete Nachhall eines ausgemachten Sturms im Wasserglas. Leider in einem verdammt großen Wasserglas. Christian Jakubetz zeichnet im Cicero nach, wie das Netz den bösen Gauck erfand: vor allem schnell und unreflektiert. Aber auch so mächtig, daß schon bei Jauch am Sonntagabend und noch in der Tagesschau am Montagabend einige der Vorwürfe? Thesen? Memes! einer Erwähnung würdig erschienen.

Sebastian Dörfler beschreibt im Freitag sehr schön die Meinungszentrifuge, die sich gedreht hatte:

In der „Affäre Wulff“ fielen […] der mediale Trend zur Personalisierung und der digitale zur totalen Meinungsäußerung über mehrere Wochen zusammen. […] Netz- und Medienöffentlichkeit sind miteinander verschmolzen. Sie bleiben es auch in der Sache Gauck.

Dabei ist es fast egal, ob Oberflächlichkeit Schnelligkeit bedingt, oder andersrum. „Liebes Internet, bitte nimm dir in Zukunft etwas mehr Zeit zum zuhören und nachlesen!“ könnte man zusammengefasst ausrufen, wenn man Dörflers Befürchtung ernst nimmt, daß das in Zukunft so weitergeht. Zur selbstverstärkenden Welle im Netz kommt aber noch die ebenfalls verstärkende (alt)mediale Welle, und so zeigt sich bei #notmypresident das, was sich immer zeigt: Medienkompetenz ist Mangelware, angeblich sogar bei den Medien. Wer dafür ein Lobo-Zitat braucht, bittesehr:

Das Zitat ist die Basis der sozialen Medien – aber es erfordert klassische Medienkompetenz, um es nicht verfälschend zu verwenden.

Medienkompetenz my ass! Wir haben doch relativ schnell herausgefunden, was passiert war. Sogar Julia Seeliger übte sich in Selbstkritik und fand bei Gauck selbst einen Satz, den man auch auf den netzmedialen Antihype um #Gauck beziehen kann:

 
 

Ich bin unglaublich allergisch gegenüber einer Politik, die maßgeblich auf Angstreflexe setzt. […] Wir sollen auf Aktionsformen verzichten, die auf die Angst von Menschen setzen und daraus eine Dynamik ableiten.

Wenn die Hasswelle im Netz aus etwas bestand, dann aus Angst, Reflex und Dynamik. Ein jeder tut gut daran, diese Muster in Zukunft zielsicherer zu erkennen, um sie bestenfalls zu vermeiden oder wenigstens damit umgehen zu können. Sonst besteht die Gefahr, daß Gauck zum unverstandenen Präsidenten wird, zum falsch zitierten Dinosaurier in einer sogar für sich selbst zu schnellen Medienwelt, die dann titelt: „Deutschland zu schnell für Gauck!“, die damit meint „Die Deutschen verstehen ihren Präsidenten nicht, weil sie zu hastig und oberflächlich sind.“, was aber verstanden wird als „Gauck zu langsam!“. Bitte nicht!

Wem das jetzt zu schnell ging, lese bitte nochmal Breitenbach. Genau und in Ruhe.

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