Hat funktioniert.

Kann man sagen, wenn eine gezielte Provokation die beabsichtigte (oder wenigstens irgendeine) Reaktion hervorruft. So gesehen glänzt die blaue DDR-Trainingsjacke von Prof. Hefendehl seit Dienstag mit Planübererfüllung. Auch der Rechts-Conservative Deutsche Studentenbund Ring Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) hat irgendwie sein Ziel erreicht. Mit einer als Pressemitteilung getarnten humoristischen Glanzleistung hat er sich für einen medialen Augenblick an den eigenen gegelten Haaren aus dem Sumpf der politischen Bedeutungslosigkeit gezogen. Alle Achtung.

Professor Hefendehl erschien zu seiner Vorlesung in einem Pullover mit den Insignien der DDR, Hammer und Sichel, und der Aufschrift „DDR“.

Diese Zeile aus der fraglichen Pressemitteilung wirkt gleich doppelt so gut wenn man bedenkt, daß Thomas Volk, gefühlter Hauptbestandteil und Vorsitzender des Freiburger RCDS, nicht nur Islamwissenschaften sondern auch – tatsächlich – Geschichte studiert. Man muß nicht unbedingt die Philatelie bemühen, um sich die Hoheitszeichen zweier Unrechtsregime nochmal vor Augen zu führen. Da es hier aber um Christdemokraten geht, die es ja bekanntlich mit der Aufarbeitung ihrer eigenen Rolle in verschiedensten Diktaturen auf deutschem Boden gerne mal nicht so genau nehmen, sei ein Blick auf nebenstehendes Postwertzeichen der Deutschen Post gestattet. Hammer und Sichel = Sowjetunion, Hammer und Zirkel im Ährenkranz = DDR. Soviel Zeit muss sein.

 
 

Wie ist das nun also mit der Jacke? Nicht neu, auf alle Fälle. In einer Diskussionsrunde Ende Januar zu den Alkoholverboten im öffentlichen Raum tauchte das Kleidungsstück bereits auf und wurde umgehend zum Diskussionsobjekt. In einem Kommentar bei fudder.de heißt es dazu:

„Seinem Staatsverständnis nach sollte sich der Staat auf seine Aufgaben beschränken und nicht auf Verdacht in Bereiche des Privatlebens eingreifen, in denen er nichts zu suchen hat.“
Diese Aussage kann ich nur unterschreiben. So gesehen finde ich auch die DDR-Jacke als perfide Protestform immer besser, je länger ich drüber nachdenke.

Nun hat es diese perfide Protestform als gezielte Provokation mit dem Ziel eine „Diskussion über die Legitimität von Strafrecht, die Relevanz eines Rechtsgutes, Täter hinter dem Täter z.B. bei Mauerschützen und auch die Intensivierung der Strafverfolgung und Gefahrenabwehr zunehmend durch heimliche Überwachungsmaßnahmen auch gegenüber Unverdächtigen“ (so Prof. Hefendehl in seiner Stellungnahme vom 6.11.) auszulösen in die regionalen und überregionalen Medien geschafft. Der SWR will auf der Jacke sogar das Emblem der SED ausgemacht haben während die Badische Zeitung in einem spritzigen Artikel Volks oben erwähnte Sichel-Zirkel-Verwechslung im Zitat kurzerhand korrigiert. Sogar SpiegelOnline ist die vermeintliche Affäre wichtig genug, um sie nicht dem ansonsten für Freiburger Unithemen zuständigen und als Stipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung und gebürtigem DDR-Bürger eigentlich für das Thema prädestinierten Marc Röhlig zu überlassen. In der (Freiburger) Blogosphäre hat es Thorsten bei gruenesfreiburg.de gleich mal die Sprache verschlagen, während sich Marcus Seyfarth auf seylaw.blogspot.com der RCDS’schen Skandalrhetorik anschließt.

Um die Sache geht es ohnehin kaum. In Hefendehls Lehrstuhlforum auf strafrecht-online.org sammeln sich in einem eigenen (lesenswerten!) Thread allerlei Reaktionen, die ihn in ihrer Mehrzahl beglückwünschen. Der kritisch denkende und zu kritischem Denken anregende Professor als Exot in der Hochschullandschaft? Armes Bildungsdeutschland! Da passt geradezu ins Bild, daß einer der irritierenden Kommentare mal wieder aus dem Rektorat kommt. SpiegelOnline zitiert den gerademal gut einen Monat in Amt und Würden befindlichen Freiburger Unirektor Prof. Schiewer mit den Worten: „Ich gehe davon aus, dass das Tragen einer solchen Jacke ab sofort unterbleibt.“. Ich gehe davon aus, daß Prof. Schiewer hier falsch oder gar jemand anderes zitiert wird, denn mit einer solchen Bekleidungsvorschrift stünde er zwar gemeinsam mit dem RCDS aber doch einigermaßen allein auf weiter Flur. Ich jedenfalls muss dem Rektor in diesem Punkt energisch widersprechen und auch das Dekanat der juristischen Fakultät samt angeschlossener Fachschaft stehen hinter Prof. Hefendehl, die weit überwiegende Mehrzahl seiner Studierenden sowieso. Bekleidungsvorschriften in einem Umfeld, das zu kritischer Reflexion anregen soll einzuführen wäre ein falsches Signal.

Das ist übrigens der Kopf meines allerersten Schulzeugnisses (und: ja, das was da durchscheint sind alles Einsen). Zum reflexartigen Aufschrei von Rechts, das Tragen der fraglichen Jacke verletze auch Studentinnen und Studenten und deren Familien, die unter dem DDR-Regime gelitten haben, in ihrer Würde, habe ich nämlich noch gar nichts gesagt.

 
 

Kurzum: DDR- wie auch anderes Unrecht darf sich niemals wiederholen. Unrecht wiederholt sich aber, wie uns die Geschichte zeigt. Gäbe es weniger Unrecht, wenn es mehr kritische Geister wie Prof. Hefendehl gäbe? Gut möglich. Sind Verbote und Überwachung der richtige Weg? Wohl kaum. Wer exzellente Lehre mit disziplinarrechtlichen Maßnahmen und Bekleidungsvorschriften belegt sehen will (und gleichzeitig beim kleinsten Anzeichen von Andersdenkenden gleich nach dem Verfassungsschutz ruft), der schadet unserer freiheitlichen Demokratie mehr, als er ihr nutzen möchte, und das verletzt mich, der ich den Unterschied zwischen DDR und nicht-DDR von einem auf das andere Schuljahr selbst erlebt habe. Gerade heute, am 19. und 70. Jahrestag des 9. November.

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